Verordnung zur Pflichtablieferung von Netzpublikationen an die Deutsche Nationalbibliothek stiftet Verwirrung & Aufregung

Am vergangenen Mittwoch (22.10.1008) trat die Verordnung zur Pflichtablieferung von Netzpublikationen (siehe PDF) an die Deutsche Nationalbibliothek in Kraft – es berichteten viele Medien, u.a. natürlich Heise, wo sich erwartungsgemäß eine hohe Aktivität in den Foren einstellte 🙂

Worum geht es dabei? Die Nationalbibliothek soll ja die Kultur bzw. das Wissen des „Landes der Dichter & Denker“ archivieren – und soll dies nun nicht nur für das gedruckte, sondern auch für das digital verbreitete Wort tun – es geht also tendentiell schon darum, das deutschsprachige Internet zu archivieren. Jedem Techniker muss das als ein hanebüchener Plan vorkommen, ist das Internet nunmal heutzutage nicht eine Ansammlung von statischen HTML-Dokumenten, sondern zu einem großen Teil eine stets dynamisch erzeugte Landschaft, die mittels MashUps und Aggregation Inhalte immer wieder neu erzeugt. User Generated Content tut sein übriges zur Vielfalt und zum steten Wandel des Webs.

Ist die Archivierung des kulturellen Erbes (sei es digital oder analog verfügbar) prinzipiell auch eine gute Sache, so blieb bisher recht unklar, was genau nun von der Verordnung umfasst wird.

Müssen Unternehmen alle ihre Websites dort abliefern? Was gilt für Blogs, was für Portale mit UGC (User Generated Content)? Und überhaupt – wie kommt man auf die Idee, dass Inhaltsanbieter ihre Inhalte „abliefern“ sollen, und das auch noch vielleicht als PDFs? Verwirrung & Aufregung mischen sich mit Spekulationen.

Schon Mitte letzten Jahres, als das Thema erstmalig durch die Medien ging, frohlockte z.B. Robert Basic, dass sein Blog in die Nationalbibliothek aufgenommen werde.

Neben der inhaltlichen Frage, ob man seine eigenen Inhalte nun abliefern muss und ob man bei Nichtbeachtung tatsächlich Strafen bis 10.000 EUR befürchten müsse, kam schnell auch die Beschäftigung mit dem modus operandi aufs Tablett: Dynamische Websites bzw. datenbankgestützte Anwendungen sind unter Umständen nicht so ohne weiteres exportierbar. Einige Blogger und Websitebetreiber sahen sich schon in der Pflicht, der Nationalbibliothek gleich die gesamte Anwendung nebst Datenbank zu liefern und warfen die Frage auf, ob man zur Abgabe einer lauffähigen Kopie nicht gleich noch das Betriebssystem und die Datenbanksoftware mitliefern müsse – ein schräger Gedanke, der aber die Nutzung von Open Source Software durchaus befördern könnte 🙂

Nachdem die Netzgemeinde aktuell erneut an die weltfremd erscheinende Verordnung erinnert wurden, machten sich viele daran, die konkreten Auswirkungen bzw. Pflichten zu erörtern. So z.B. Peter Schink, der nach einem Anruf bei der Nationalbibliothek erstmal Entwarnung gibt: Aktuell interessiere man sich nur für e-Books.

Wikipedistik fragt, ob man denn heute schon die Wikipedia abgeliefert habe und unterstellt eine Regelungslücke für den Wikipedia Content, der ja nicht von einem, sondern potentiell von n Autoren abzuliefern sei.

Ein Fazit zieht nach genauer Betrachtung der Thematik der Telemedicus mit den Worten „Stillhalten und nichts machen“ – eine Archivierung von Webseiten erfolge nach seinen Informationen bisher nicht.

Auch Dr. Bahr geht erstmal davon aus, dass die Umsetzung durch die NB so schnell nicht starten wird, stellt aber korrekt klar, dass die Regelungen ein erschreckendes Niveau haben – „Regelungslücke“ wäre noch geschmeichelt.

War die Verordnung (s.o.) ein eher unklar formuliertes Konstrukt, sollten die FAQ der Nationalbibliothek (also der Stelle, die das letztlich umsetzen muss) hoffentlich hilfreicher sein.Wie die hier im Beitrag zitierten Blogeinträge/Quellen ja auch schon andeuten, ist die FAQ leider zur abschließenden Kärung nicht geeignet – vermutlich ist man dort aktuell nur damit beschäfigt, Rückfragen per Mail zu klären und komt so nicht zur Ergänzung der FAQ 🙂

Ich habe einen Auszug aus einer Mail weitergeleitet bekommen, welche die Nationalbibliothek einem Anfrager zustellte. Spätestens das sollte eine Entwarnung sein, wenn man ein Gefühl für die Langsamkeit der Mühlen des Staates hat:

(…) derzeit  erlaubt es der Stand der technischen Entwicklung in der Deutschen Nationalbibliothek noch nicht, ganze Websites zu sammeln. In ferner Zukunft soll dies durch Webharvesting geschehen.(…)

O.K., erst in „ferner Zukunft“ soll es losgehen – mal schauen, ob das 2020 schon in Betrieb ist 🙂

Mir selbst antwortete die Nationalbibliothek zusätzlich mit diesem Textschnippsel:

(…) Ihrerseits ist z. Zt. also keine Ablieferung erforderlich. Wir werden Sie vormerken und zu gegebener Zeit wieder auf Sie zukommen. Für weitere Auskünfte stehen wir Ihnen gerne unter np-info@d-nb.de oder
telefonisch unter 069/1525-1320 zur Verfügung.(…)

Man kann also nicht davon ausgehen, dass dieser Zustand anhalten wird – „vorgemerkt sein“ klingt im Zusammenhang mit den potentiell im Raum stehenden Strafandrohungen bei Nichtablieferung durchaus wie eine Drohung.Ich werde weiter berichten, wenn sich das Bild konkretisiert…


Update/Ergänzung – Mir sind noch weitere lesenswerte Blogeinträge zu dem Thema aufgefallen:

2 Kommentare

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  1. Blogbeitraege für die National Bibliothek…

    […] Diese Übermittlung an die Bibliothek haben übrigens alle Blogger vorzunehmen. Zu verdanken haben wir dies der Verordnung zur Ablieferung von Netzaplikationen […]…

  2. […] ich eben gelesen habe trat am 22.10.2008 die Verordnung zur Pflichtabgabe der dt. Netzpublikationen an die Deutsche […]

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